21 Jun

Neues aus Indien – Juni 2010

Liebe Familie, Freunde und Bekannte,

seit Ostern habe ich mich nicht mehr gemeldet, um Euch/Dich an unserem Leben teilhaben zu lassen. Jetzt wird es aber allerhöchste Zeit; denn wichtige Ereignisse werfen ihre Schatten voraus.

Der Monat Mai steht in Indien wie immer unter dem Zeichen einer enormen Sommerhitze und den Schul-und Semesterferien der Kinder und Studentinnen, nachdem die letzteren ihre Semesterprüfungen abgeschlossen haben.

Die Studentinnen sind in die Sommerferien gefahren und unsere „jüngeren“ wie Subhi, Jennitta, Amala und Jancy haben mit mir die Stange gehalten. Da Sie inzwischen schon ein wenig die indische Tradition kennen, dann wissen Sie auch, dass hier die Familien nicht zusammen in Ferien fahren. Die reichen Menschen aus der Großstadt wie Mumbai tun dies. Sie gehen in die Berge, um dieser Hitze zu entgehen. Die Kinder gehen, wie wir früher, zur Oma oder zu irgendwelchen Verwandten. Ansonsten können solche Ferien auch sehr langweilig werden.

Wir haben ein 2 Wochenprogramm für die Kinder auf die Beine gestellt. Jeden Abend – der Hitze wegen haben wir die Abendstunden gewählt – kamen 60 Kinder, die an unserem Spiel-Bastel-Tanz- und Sportprogramm teilgenommen haben. Es war laut, aber schön. Wir verteilten Süßigkeiten und an einem Tag haben wir ein kleines Kulturprogramm durchgeführt, in dem die Kinder tanzten und wir die Preise verteilten. Keine/r ging leer aus. Es ist erstaunlich, wie sich die Kinder über einen Bleistift, Spitzer und Lineal freuen.

Zu Beginn des Maimonates haben wir junge Frauen, die ihr Abitur abgeschlossen haben zu einer dreitägigen Tagung eingeladen. Die gemeinsamen Tage schlossen Gespräche, Meditationen und Kreatives ein. Ich denke, es war eine rundum gute Sache.

Die größte Hitze haben wir überstanden. Der Süd-Westmonsun hat die größten Teile Indiens erreicht. Unsere – Tamil Nadu – Temperaturen sind auch niedriger, ohne Monsun,  da der Wind stärker wird.

Für alles gibt es eine Zeit, heißt es in der Bibel. Dies nehmen die Tamilen sehr ernst, vor allem wenn es ums Heiraten geht. Wir leben im tamilischen Monat „Aani“. Es ist einer der Hochzeitsmonate. Aus unserem Nähzimmer ist es Fatima. Nachdem sie sich in einen jungen Mann verliebt hat und die Eltern erst dagegen waren, gibt es jetzt doch ein Happy end.  Die Eltern des jungen Mannes haben dann die Initiative ergriffen und bei Fatimas Eltern quasi um die Hand der Tochter angehalten. Die Hochzeit war am 23.Juni.

Die Schule hat am 1.Juni wieder angefangen. Wir haben alle Kinder, die zu unserem Nachhilfezentrum kommen,  mit Heften, teilweisen auch Schulmappen und Uniformen versorgt. Viele junge Frauen haben bei uns um Unterstützung für ihr Studium angefragt. Immer noch sind die Anmeldungen fürs College am Laufen, was gleichbedeutend ist, dass bei uns um Hilfe angefragt wird. Subhi, Jennitta und Amala sind seit  dem 21. Juni auch unter den Studentinnen. Sie sind ganz stolz auf ihren neuen Stand.

Immer wieder wird unser Haus als Zufluchtsort  von Frauen  aufgesucht. Wenn die Aggressivität der Ehemänner so massiv ist, dass sie die Frauen und ihre Kinder krankenhausreif schlagen, dann ist es gut, wenn sie wissen wo sie hingehen können. Im Fall von Renugas Familie sieht die Sache sehr schlecht aus. Die Mutter hat sich nach der letzten Attacke bei der Polizei beschwert. In derselben Nacht kam der stellvertretenden Bürgermeister, um sich den misshandelten Jungen anzuschauen. Er war entsetzt. Normalerweise geht die Frau ins Haus ihrer Eltern, schickt ihre Brüder und ihren Vater, die ziehen den Ehemann zur Rechenschaft, oft mit den Fäusten, und dann geht das Leben weiter. Bei dieser Familie ist es so, dass der Ehemann  von Amsa der jüngere Bruder   ihrer Mutter ist, also ihr Onkel.

Für eine Woche war eine junge Frau mit ihrem 2 Wochen alten Baby bei uns. Normalerweise ist die junge Frau vor und nach der Entbindung in ihrem Elternhaus. Ihre Eltern tragen die Kosten der Geburt und betreuen die junge Frau nach der Geburt. Im Falle von Anusha war ihre Heirat eine Liebesheirat, ohne Segen der Brauteltern. Hinzu kamen Schwierigkeiten im Haus des Ehemannes.  Die gute Lösung war, die junge Frau zu uns zu bringen.

Das waren nicht unsere alleinigen Besucher. Andere Gäste stellten sich auch ein. Ungebetene Gäste in diesem Fall.

Nach dem Hochamt, an einem Sonntagmorgen,  öffnete ich  unsere Haustür.  Gewarnt vom Geräusch des Türöffnens zogen die Eindringlinge ab. Eine ganze Affenfamilie marschierte an mir  vorbei. Sie nahmen denselben Weg raus, wie sie reingekommen sind, durch 1 geöffnetes Fenster. Sie haben  sich fröhlich in unserer Küche bedient.

Es ist noch nicht lange her, ich saß in meinem Zimmer am Computer, meine Tür war offen, als ich ein Geräusch hörte, ich dachte es sei eins der Mädels, aber als ich mich rumdrehte, stand da ein ausgewachsener Affe. Ich schrie wie am Spieß, aber das irritierte ihn nicht. Er sprang auf mein Bett, hüpfte von dort auf meinen Tisch, saß  plötzlich hinter meinem Computer und holte sich dann in aller Seelenruhe eine Mango, die auf meinem Tisch lag. Er machte sich auf demselben Wege wieder aus dem Staub. Seitdem sind tagsüber die Fenster geschlossen, wenn wir dran denken.

Zu Beginn des Briefes habe ich schon angedeutet, dass einige Ereignisse ins Haus stehen, zu denen ich schon hier eine Einladung ausspreche.

Wir werden  am 2. Juli  morgens unser zweites Haus einweihen.

Der 2. Juli ist gleichzeitig mein Geburtstag, ich sage das, weil er in diesem Jahr rund wird. Ich werde 60 Jahre alt.

Zu beiden Ereignissen, wenn man eingeladen ist, und das sind Sie oder Du ja, bringt man Geschenke mit, das ist so Brauch. Zur Einweihung meistens praktische Dinge, die man gebrauchen kann und zum Geburtstag Geschenke, über die sich das Geburtstagskind freut.

Wenn ich so überlege, was wir gebrauchen können und über was ich mich freuen würde, komme ich zu folgendem Ergebnis.

Wir wünschen uns eine Solaranlage. Da  der Strom so häufig  ausfällt und  die Sonne im „Überfluss“ scheint, ist dies eine alternative Energieversorgung.

Ich wünsche mir, dass Sie/Du mich in Ihre/Deine Gebet einschließen, damit für die nächsten 10 Jahre die Kraft, Gesundheit und Freude da ist, um mit Ihrer/Deiner Hilfe Gutes zu tun.

Ich war immer stolz, dass ich am 2. Juli, an einem Sonntag geboren bin. In den deutschsprachigen Ländern feiern wir Maria Heimsuchung. Es ist das Ideal unseres Hauses,  unserer Gemeinschaft. Wie Maria zu Elisabeth gegangen ist, um zu helfen, so sind wir auf dem Weg. In diesem Sinne beten wir füreinander, auch für die jungen Frauen, die ab dem 3.Juli ein Noviziat in der Gemeinschaft Maria auf dem Weg beginnen.

Mit einem herzlichen Gruß

Ihre/Deine Gisela Häring