16 Okt

Tierisches und anderes aus Viralimalai

Unsere Natur in Tamil Nadu dürstet nach Regenwasser. Die Saison in der wir eigentlich leben, heißt Regenzeit. Aber es ist so heiß wie im Monat Mai und keine Wolken am Himmel. Die Natur, die Menschen und die Tiere leiden. Nur die Affen haben zurzeit den größten Spaß, vor allem, wenn sie sich in unserem Garten tummeln. Diese Spezies liebt ein enges Familiengefüge,  deshalb sind es auch immer 15 bis 20 Affen in verschiedenem Alter, die unsere Bäume lieben. Die Alten liegen faul herum und lassen sich lausen, die  Affenbabys klammern sich um den Bauch der Mütter und werden so von einem Ort zum andern gebracht und die kleinen Affen zanken sich, springen von einem Ast zum andern und üben die Geschicklichkeit – kann ein Kokosnussblatt fünf kleine Affen aushalten? Sie klauen unsere Kokosnüsse und alle anderen Früchte, die anfangen zu reifen. Die Äste brechen und sterben ab.

In einem Augenblick der Unachtsamkeit, die Außentür der Küche blieb offen, da dort auch mal frische Luft rein soll, schlich sich ein Affe herein, nahm die Pedigree Tüte unseres Hundes und rannte davon. Vimala, die gerade in die Küche kam, rannte hinterher, um das Futter für den Hund zu retten. Es gelang ihr, den Stock in einer Hand und den kleinen Stein in der anderen und bereit diesen zu werfen; denn  der Affe ließ die Tüte fallen.  Der Wasserhahn vor der Küche wird von den Affen geöffnet, leider vergessen sie diesen wieder zu schließen, so dass dadurch Wasser vergeudet wird.

 Am vergangenen Wochenende ist ein kleiner Affe ins Nähzimmer gegangen; denn für eine Minute war die Tür offen. Aber leider fand er nicht mehr den Weg nach draußen, so dass wir nachhelfen mussten, was ihn am Anfang noch unruhiger machte und er sichere Plätze hinter den Kartons suchte. Derweil saß die ganze Affenbande auf der Mauer vor dem Fenster, fieberte mit, stieß Laute aus und hat auf den Sprössling gewartet.

Es wäre alles halb so schlimm, und wir könnten uns an dem Leben der Affen erfreuen, aber die Schäden, die der Großverband hinterlässt, kostet uns viel Geld. Alle Außenlichter sind kaputt und schon mehrfach erneuert, junge Bäume gehen ein, die Bananenstauden, Papayabäume und andere Pflanzen, die wir so sorgsam hüten. Manchmal lassen wir vom Feuerwerk kleine Knaller los; denn die Affen sind geräuschempfindlich. Aber es scheint so wie bei Kindern, sie hören es, rennen davon, vergessen es und sind nach einer Stunde wieder zurück.

 Kaum hatten wir die Familienzusammenführung mit vereinten Kräften geschafft, schrie ein Kind:“Baambu, Baambu – Schlange, Schlange!!!“. Wir rannten alle raus und sahen eine Mittelgroße Schlange, den Kopf erhoben und zum Angriff bereit. Jack unser Hund bekam es auch mit der Angst zu tun; denn sie war in der Nähe der Hundehütte. Ein mutiger junger Mann nahm kurzentschlossen einen Stock und musste die Schlange leider töten.

Es sind nicht nur Tiere, die sich bei uns wohlfühlen, sondern auch Menschen. So wohnt seit 3 Wochen eine junge Frau mit ihren zwei Kindern bei uns. Ihr Mann hat sie verlassen und die eigenen Eltern haben sie aus dem Haus gejagt, so dass ihr Leben bedroht war und die Polizei eingriff und mitten in der Nacht die kleine Familie zu uns brachte. Selvi, so heißt die Mutter, konnte eine Stelle bekommen, aber im Schichtdienst zu arbeiten, ist  für die Kinder sehr schlecht. Wir suchen augenblicklich eine Wohnung für sie, aber das Problem ist, dass sie keine Einrichtungsgegenstände hat und ihr Verdienst reicht noch nicht mal für die Miete. Mal sehen, wie wir ihr helfen können.

Gestern kam eine junge Frau zu uns, sie hat drei Töchter 6, 12 und 13 Jahre alt und hat um eine Arbeitsstelle angefragt. Ihr Mann hat sich vor 30 Tagen in der eigenen Wohnung erhängt. Die Kinder haben ihn gefunden. Sie müsste das Haus verkaufen, um die Schulden, die da sind, abzahlen zu können. Aber es wird in diesem Ort kein Mensch ein Haus kaufen, in dem sich ein Mensch das Leben durch erhängen genommen hat.

 Indien ist ein Land ohne Schutz in Notzeiten. Wenn bei ernster Krankheit kein Geld da ist, so zum Beispiel Herzinfarkt, Dialyse, wird nicht therapiert. Es gibt die Staatskrankenhäuser, die überlaufen sind und bestimmte Erkrankungen werden dort auch nicht behandelt.  Es gibt keine Sozialabsicherungen, weder in Krankheit, im Alter, oder bei Arbeitslosigkeit. Die Familien werden auch nicht durch Kindergeld unterstützt; denn das gibt es nicht.

Wir leben hier in Indien in einer anderen Welt, sei es die Natur, das Sozialgefüge, die Tradition und vieles andere mehr,  aber wir leben hier im Süden friedvoll mit allen Religionen zusammen.

Es ist Oktober, wir nennen ihn den Rosenkranzmonat. Sie sind in dieses Gebet, dass wir in diesem Monat täglich beten, eingeschlossen und danken Ihnen für Ihr Interesse an unserer Arbeit.

Ihre Gisela Häring

07 Jul

Neues aus Viralimalai

Es sind nicht immer neue Dinge, die geschehen, aber es erstaunt mich immer wieder, dass ich nach all den Jahren in Indien, dieses Land und seine Menschen mit Überraschungen, positiven und negativen, erleben darf.

In diesem Jahr, hatten wir nicht im Mai die große Hitze, sondern der Monat April hat uns Temperaturen von 42 Grad C gebracht. Aber Gott hat es gut mit uns gemeint. So kamen pro Woche für 20 bis 30 Minuten am Abend kleine Regenschauer auf uns herab, die wir mit Dankbarkeit annahmen; denn die Temperatur ist gesunken, wir konnten besser schlafen. Leider sind dann auch die Moskitos zum Leben erwacht und zwar in Miniaturgröße, aber die Bisse schmerz(t)en genauso.

Der Mai Monat ist in Tamil Nadu immer der Ferienmonat. Von morgens bis abends sind die Kinder bei uns und wollen unterhalten werden. Auch der kleine Atshai, 2,5 Jahre alt, ruft dann: „Komm, setz dich zu mir und spiele mit mir“. Er ist im Augenblick unser kleiner Sonnenschein, da Johann und die anderen schon die Schule besuchen und nur an freien Tagen kommen. Als ich von meiner letzten Deutschlandreise zurückkam, rannten alle Kinder zum Tor um mich zu begrüßen, nur Atshai nicht. Er ging ins Nähzimmer und informierte alle Frauen, die dort arbeiten, dass ich da bin und gemeinsam mit ihnen kam auch er. Mit großer Empörung hat Atshai sich bei mir beschwert mit den Worten: „Lakshmi lässt uns nie in Frieden spielen.“ Sie hat die Jungen mit lauter Stimme aufgefordert, die Fahrräder stehen zu lassen, da es gefährlich sei.

Gestern kam seine Schwester Swathi mit geschwollener Hand zur Nachhilfe. Sie ist in der 9. Klasse. Erst auf Nachfrage, hat sie uns erzählt, dass die Lehrerin alle Kinder geschlagen hat, da niemand die richtige Antwort geben konnte.

Der Zuwachs an Studenten für die Nachhilfe wird immer größer. Es hat sich herum gesprochen, dass unser Lehrer Navaneedan ein Genie in Mathematik ist; denn Mathe und Englisch sind die schwierigsten Fächer für unsere Kinder. Englisch wird nur auswendig gelernt, ohne zu wissen, welche Bedeutung die Wörter haben, es reicht, um das Abitur zu bestehen. Es ist für unsere Praktikantin Klara eine richtige Herausforderung, mit den Kindern zu arbeiten.

Wie jedes Jahr ist der Monat Mai ein Monat der Tempelfeste. Die Menschen pilgern zu ihren Göttern oder laufen über heiße Steine, oder lassen sich eine kleine Eisenstange von einer Wangenseite zur anderen durchziehen. Aber alles endet am Ende mit einem guten Essen.

Die Anzahl der Festtage in den Familien ist auch sehr groß. Es muss immer ein „Nalla Naal“ sein, also ein guter Tag, der von den Astrologen vorher gesagt wird. An diesen guten Tagen finden Hochzeiten, Hauseinweihungen, Ohrringfeste statt. So hatten wir vor 2 Wochen eine Einladung, an einem „guten Tag“ zu einem Ohrringfest. Den beiden Söhnen wurden mit heißen Nadeln Ohrringe gestochen. Die Gäste, mindestens 500, bringen Geldgeschenke, Schmuck und Kleidung für die Jungen mit. Die Erwartung ist immer sehr hoch, dass genau so viel, oder sogar mehr, eingenommen wird, wie man selbst für die Geschenke vorher ausgegeben hat. Leider geht diese Rechnung nicht immer auf und die Familie bleibt auf den Schulden sitzen, auch unsere Gastgeber…

In diesem Dorf, so habe ich erfahren, hat fast jeder Mann zwei Ehefrauen. Es sind nicht die Muslime die hier leben, sondern die Hindus.

In den deutschen Medien, scheint es wieder gut an zu kommen, wenn die Überschrift heißt: “Indien gefährlichstes Land für Frauen.“ Ich lebe seit 17 Jahren hier und fühle mich sicher, so tun es auch die jungen Frauen oder unsere Praktikantinnen. Leider ist diese Sicht auf Indien sehr einseitig. Es ist sicher wahr, dass die Vergewaltigungen, als eine Straftat, erst jetzt geahndet werden und somit ist ein öffentliches Bewusstsein entstanden ist. Vor Jahren war es auch rechtlich immer die Schuld der Frauen, die die Männerwelt sexuell reizen.

Vergangene Woche wurde Libi verheiratet. Da sie keine Eltern mehr hat und ihre ältere Schwester im Kloster ist, haben die Verwandten die Entscheidung gefällt. Als wir miteinander gesprochen haben, meinte Libi, dass sie noch nicht heiraten will, sondern erst das Studium abschließen möchte. Auf meinen Kommentar hin, warum sie dann zu dieser Hochzeit ja gesagt hat, meinte sie:“What shall I do?“ Was soll ich denn machen?

Gott sei Dank, wurde sie nicht mit einem nahen Verwandten verheiratet, was hier noch sehr üblich ist. So wurde im letzten Jahr eine 17jährige mit dem Bruder der Mutter verheiratet. Es spart die Kosten der Mitgift und die Eltern haben das Gefühl, die Tochter kommt in eine vertraute und sichere Umgebung, was man bei „Fremden“ ja nie weiß. Wir verurteilen dieses inzestuöse Verhalten und versuchen durch Aufklärung Einfluss zu nehmen.

Es ist die Freiheit und die Selbstentscheidung der Frau, die wir fördern sollen. Dies kann nur durch Bildung und Erziehung geschehen.

Die Politik macht den Menschen, auch uns, zu schaffen; seit ich in Indien lebe, hat sich der Preis für Diesel/Benzin von 34 Rupees auf 71/76 Rupees erhöht. Das bedeutet, der Sprit ist auf cirka 1€ pro Liter angestiegen. Mit dieser Erhöhung sind auch die Tickets für Bus und Bahn viel teurer geworden. Die Milch ist von 16 Rupees auf 52 Rupees angestiegen. Im Gleichschritt haben dies auch die Schul-und Collegegebühren getan. Wir könnten heute das Haus, in dem wir wohnen, das Land, auf dem es steht nicht mehr bauen oder kaufen.

Mit diesem kleinen Einblick in unser tägliches Leben, möchte ich Sie gerne geistig an diesem Leben teilnehmen lassen. Es wäre schön, wenn Sie unsere Sorgen durch Ihr Denken und Gebet unterstützen. Gerne tun wir dies auch im Gebet für Sie. Sie können uns auch helfen, wenn Sie die Gelegenheit haben, unsere Handarbeiten in Ihrem Heimatort an zu bieten.

Bleiben Sie uns gewogen.

Gisela Häring

24 Dez

Weihnachtsgrüße aus Indien

Eine alte Dame sagte einmal ganz spontan, „O je, jetzt ist doch plötzlich wieder Weihnachten“.
In diesen Satz kann ich sehr gut mit einstimmen. So schnell ist die Zeit des Advents vergangen. Hinzu kommt auch die Intensität einer Zeit, was alles in so einer kurzen Zeitspanne sich ereignen kann. Nach einem anstrengenden Flug, der mich mit einem Tag Verspätung an den Ort meiner zweiten Heimat gebracht hat, fingen wir gleich mit unserer Plätzchen- Bäckerei an.
Es ist schon zur Tradition geworden, dass wir im Advent die Familien besuchen, uns die Sorgen und Nöte anhören, sie ins Gebet bringen und ferner unsere Hilfe anbieten. Wir haben auch Einladungen von unseren Hindu Freunden bekommen und haben diese auch angenommen. Heute möchte ich von einer Familie erzählen:

Die Mutter starb, als die Jüngste der fünf Töchter vier Jahre alt war. Nach einem Jahr heiratete der Vater wieder. Es war ein Geschenk für die Familie; denn es kam nach einem Jahr auch ein Sohn zur Welt. Als die älteste Tochter 18 Jahre alt war, wurde sie in eine Heirat mit dem Bruder der „Stiefmutter“ gedrängt. Die junge Frau verstarb im letzten Jahr an einer nicht zu heilenden Tuberkulose. Sie hinterlässt zwei Kinder im Alter von drei und fünf Jahren. Inzwischen sind auch die andern Töchter, bis auf Rosalyn, verheiratet. Die junge Frau ist 21 Jahre alt und studiert. Nun bedrängt die Familie sie, besonders die Stiefmutter, diesen Mann zu heiraten. Es ist nicht nur ein Bedrängen, sondern es werden auch Drohungen ausgesprochen. Wir haben Rosalyn angeboten hier bei uns zu wohnen, oder in ein Hostel zu ziehen. Hier in Tamil Nadu sind wir noch weit entfernt von der Selbstbestimmung der Frauen.

Mit den Bildern unserer Frauen, die zu Maria auf dem Weg gehören, die in der Nähstube arbeiten, die Nähen lernen und einigen neugierigen Kindern vom Nachhilfezentrum, wünsche ich Ihnen allen ein gesegnetes Weihnachtsfest im Kreise Ihrer Familie und ein erfolgreiches Jahr 2018. Während der Adventszeit haben uns die Worte begleitet: „wir warten, wir arbeiten und gehen zusammen durch diese Zeit“. Tun Sie es auch mit uns, ohne Ausgrenzungen. Danke für die Unterstützung, die Sie uns zukommen lassen: durch die Zeit, die Sie auf den Märkten/Ausstellungen uns schenken, durch die finanzielle Unterstützung junger Frauen zum Studium, durch Ihre Spende, Ihr Interesse und Ihr Gebet.

Ihre Gisela Häring